Erfahrungsbericht
Die größte Herausforderung für uns 7, die wir die Ausbildung begannen, waren die Wochenenden Selbsterfahrung unter der kompetenten und einfühlsamen Begleitung von Frau Pauls-Kind. Sie ermutigte uns, im geschützten Rahmen unsere Gefühle wahrzunehmen und, soweit uns das möglich war, den anderen mitzuteilen. Dabei stellte sich rasch heraus, wie anspruchsvoll diese zunächst einfach klingende Aufgabe ist. Knapp die Hälfte der Gruppe konnte sich dem nicht stellen und brach die Ausbildung früh ab. Ein schmerzhafter Prozess für uns 4, die wir übrig blieben. Gleichzeitig eine Schulung im Umgang mit Themen, wie sie uns auch am Telefon begegnen: Krise, Abschied und den damit einhergehenden Emotionen. Hier zeigte sich für mich bereits, wieviel die Arbeit in der TS mit uns ganz persönlich zu tun hat: Wir ließen Trauer und Wut an uns heran und schauten uns an, wie es uns dabei ging.
Wir lernten, dass es für die Anrufenden am hilfreichsten ist, wenn ich die Gefühle, die mir im Gespräch begegnen, in mir selbst finden kann. Nur wenn ich in mich hineinspüren kann und ganz bei mir bin, kann ich authentisch sein und die Gefühle der Anrufenden benennen und spiegeln.
Behutsam wie beharrlich forderte die Psychotherapeutin uns auf, zu „sagen, was ist“, also auch, was sich in unseren Herzen regt. Ganz bei mir selbst sein, in mich hineinspüren, wahrnehmen, welche Gefühle sich regen – die Grundvoraussetzung für eine echte Begegnung am Telefon. Doch allein schon das kleine Wörtchen „man“ durch das persönlichere „ich“ zu ersetzen, erwies sich als schwierige Aufgabe, an der „man“ noch lange zu üben hat...
Im zweiten Teil der Ausbildung kamen zu den fachlichen Schulungen Telefondienste hinzu. Für mich waren die ersten Kontakte mit Anrufern sehr bewegend und zum Teil verstörend. Zu Beginn kamen mir viele der Gesprächssituationen unwirklich vor. Ich merkte, in welch behüteter Welt ich lebe; nun wurde ich mit Welten konfrontiert, die mir völlig fremd sind. Die Schicksale, die mich bisher mit am tiefsten berührt haben, sind die von Hartz IV-Empfängern. Vorher war mir die schwierige Lage dieser Menschen vom Kopf her schon bewusst. Doch ihre seelische Not, das Gefühl, alleingelassen zu werden, ist für mich erst durch die Telefongespräche deutlich spürbar geworden.
Ich empfinde es als ständige Herausforderung und als sehr wohltuend, die zentrale Aufgabe für uns Ehrenamtliche, wie ich sie in der Ausbildung verstanden habe, umzusetzen: Da sein, zuhören, annehmen, aushalten. So einfach und so schwer zugleich. Immer wieder drängen sich mir Lösungen beim Zuhören auf, umso mehr, wenn ich selbst ähnliche Erfahrungen wie die Anruferin gemacht habe und meine, mich auszukennen. Wenn ich mit Lösungen komme, verstummt der Anrufer, das ist mir in den Monaten, seit ich Dienst tue, schon passiert. Dann tut es mir leid und ich versuche, mich beim nächsten Anruf wieder mehr zurückzunehmen.
Bin ich bei einem Gespräch gut im Kontakt gewesen, dann habe ich dem Anrufer gut getan. Gute Gespräche haben immer auch etwas mit mir zu tun, bewegen auch mich, regen mich zum Nachdenken und Hinschauen an. Die Anrufer wissen es nicht: Sie bringen mich durch die Auseinandersetzung mit ihnen auf meinen persönlichen, inneren Weg und tun damit mir etwas Gutes. Indem ich immer wieder übe, auch in schwierigen Gesprächen ganz bei mir zu sein, erforsche ich mich selber. Diese Herausforderung lässt mich gerne zum Dienst gehen, voller Vorfreude und Erwartung, welche Anrufe wohl kommen mögen.
Bericht einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin.
