Erfahrungsbericht

Ich bin etwas früher hier und habe noch Zeit bis meine zweite Nachtschicht beginnt.

Diese Zeit der Dunkelheit, der Stille, in der so vieles ruht und anderes dafür seinen Platz beansprucht.

Ganz zu Anfang der Ausbildung wurden wir einmal gefragt, was wir von dieser Ausbildung erwarten. Meine Antwort darauf war: „Ich möchte lernen zwischen den Worten zu hören“.

Vor ca. 1 ½  Jahren hat alles angefangen. An einem Samstag im Herbst 2009 trafen wir Mitglieder der Ausbildungsgruppe 2009/10 uns zum ersten Mal. 9 Frauen und 1 Mann!  Ebenfalls dabei waren Pfarrer  Müller, der Leiter der Telefonseelsorge Nordschwarzwald, und die Psychotherapeutin Leonore Pauls-Kind. Von diesem ersten Abend ist mir noch ein Satz von Frau Pauls-Kind deutlich in Erinnerung: „Am Ende dieser Ausbildung werden sie nicht mehr dieselben sein, ihr Blickwinkel wird sich nach allen Seiten erweitert haben“.

Wir besprachen noch viel Organisatorisches. Ein ganz wichtiger Punkt für uns war: Was werden wir essen! Das hat sich durch unsere ganze Ausbildung gezogen, gemäß dem Motto „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“.

Die ersten 6 Monate der Ausbildung leitete Frau Pauls-Kind. Dazu trafen wir uns jeweils an einem Wochenende im Monat von Freitag bis Sonntagmittag. Wir kochten zusammen und jede/r brachte etwas mit.

Es war eine Zeit des emotionalen Arbeitens und des Essens, des Lachens und der Tränen. Wir lernten uns gegenseitig kennen mit einer Intensität, die ich so noch nie erlebt hatte. Und  –was vielleicht noch schwieriger ist– wir lernten uns selbst besser verstehen und anzunehmen.

Nach diesem ersten Teil der Ausbildung folgte der zweite. Das war nun etwas ganz Anderes und einigen fiel der Übergang schwer. Jetzt wurden wir auf die vielfältigen Themen vorbereitet, die uns am Telefon begegnen würden. Die Bandbreite der Themen ist bei der  Telefonseelsorge sehr groß. Das reicht von Scherzanrufen über Partnerschaftsprobleme, Arbeitslosigkeit und Schweigeanrufe bis zu Krankheiten und Depressionen, um nur einige zu nennen.

Im Dezember 2010 wurden wir dann –inzwischen noch 7 Frauen und 1 Mann (er hat durchgehalten, trotz der weiblichen Übermacht!) – in den Kreis der ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen aufgenommen.

Wir haben gelernt die Anrufer in ihrer ganz eigenen Art anzunehmen. Ihre Gefühle zu verstehen. Dinge und Situationen zu benennen. Jede/r auf ihre/seine eigene Art.

Es ist nicht immer einfach. Manchmal bekomme ich am Telefon eine Geschichte erzählt. Vieles darin erscheint mir widersprüchlich. Entspricht dies tatsächlich der Realität? Und dann meine Frage an mich: „Ist das wichtig?“ Ich höre was der Anrufer mir erzählt, ich spüre auch was er mir damit mitteilt. Ich spüre die Not, Verzweiflung und Angst. Dann kommt vom Anrufer der Satz: „Ich will angenommen werden“.

Wenn dies in einem Gespräch gelingt und spürbar wird, dann war es jede Stunde der Ausbildung wert.

Bericht einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, 2012