PZ Muehlacker Tagblatt Mai 2014

WO MENSCHEN SORGEN TEILEN KÖNNEN

 

„Einsamkeit spielt eine große Rolle“

 

Text:MIRIAM MÜNDERLEIN | ENZKREIS

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der TelefonseelsorgeNordschwarzwald versuchen in erster Linie, gute Zuhörer zu sein. Die Sorgen derAnrufer sind vielfältig: Sexualität, Krankheit, Gewalt. Doch oftmals haben sieeinfach niemanden zum Reden.

Steffen Kußmaul (Name von der Redaktion geändert) telefoniertgerade mit einer Frau. Als er auflegt, hat er ein Lächeln im Gesicht. „DieseDame wird heute einen guten Tag verbringen“, sagt der 63-Jährige aus demöstlichen Enzkreis. Kußmaul arbeitet ehrenamtlich für die Telefonseelsorge Nordschwarzwald(TSN). Wie seine Kollegen möchte er anonym bleiben. „Die Anruferin hat Problemein der Familie“, sagt er. Sie sei sehr verzweifelt gewesen, doch er habe sieberuhigen können. Mehr darf er nicht erzählen. „Am Ende haben wir sogar miteinandergelacht.“

Anonymitätwahren

Solche Gespräche seien eher die Ausnahme, sagt Ulrich Weber, evangelischerPfarrer und hauptamtlicher Leiter, der die TSN in der Öffentlichkeit vertritt.Oftmals bleibe nach einem Anruf ein ungutes Gefühl zurück. „So erging es erstkürzlich einer Mitarbeiterin, die einen vorbestraften Pädophilen in der Leitunghatte“, erinnert er sich. Weber und sein Team aus 70 Ehrenamtlichen begleiten Menschenin ihren Lebensfragen. Ihr Zuständigkeitsgebiet erstreckt sich dabei vomKraichtal über Mühlacker bis nach Alpirsbach im Schwarzwald. Viele Mitarbeiter kommenaus dem östlichen Enzkreis. Sie hören erst einmal nur zu, urteilen nicht undgeben „keine klugen Ratschläge.“ Ihre Arbeit, so Weber, helfe im Notfall,ersetze aber keinesfalls die Therapie beim Psychotherapeuten, woLösungsstrategien erarbeitet werden. Die Telefonseelsorge befindet sich seit2005 in der Pforzheimer Innenstadt. Zuvor war sie im Melanchthonhaus untergebracht.Zur Tarnung steht auf der Klingel ein erfundener Name. Anonymität ist für dieArbeit der TSN sehr wichtig. Nicht nur aufgrund dessen, dass Mitarbeiterverfolgt oder bedroht werden könnten, sondern einfach, weil sie eine Grenzezieht: Anrufer können Emotionen abladen, ohne jemanden persönlich anzugreifen.Und den Mitarbeitern ermöglicht die Anonymität „direkte und schnörkelloseGespräche“, erklärt Weber. „Es besteht keine Gefahr, das Gesicht zu verlieren.“Das könne schon mal hart werden. Doch nur so werde der Anrufer mit Fragenkonfrontiert,

die man von Angesicht zu Angesicht vielleicht nicht unbedingt stellenwürde – und die zum Nachdenken anregen. Für den Erfolg eines Gesprächs sei diesoft entscheidend, so Weber. Doch die Anonymität hat auch ihre Schattenseiten: „Manchesind unhöflich und verlieren jeglichen Anstand.“

Einsam undalleine  

Ein Viertel der Anrufer hat eine psychische Erkrankung undbefindet sich gerade in einer Depression, kämpft mit Panikattacken oderWutanfällen. Dann gilt es, Emotionen abzubauen und den Anrufer zustabilisieren. „Manche

Menschen aber haben schlichtweg niemanden, der mit ihnen redet“, soKußmaul. „Diese Leute möchten einfach nur das Gefühl haben, noch ein Teil derGesellschaft zu sein.“ Häufig drehen sich die Themen um Beziehungs-fragen,sowohl um bestehende als auch um das Fehlen von Nähe. „Einsamkeit spielt einegroße Rolle“, sagt Weber. Es seien viele Menschen ganz alleine. „Das hat michselbst überrascht.“ Doch gerade Daueranrufern

müsse immer wieder klargemacht werden: „Wir sind kein Ersatz fürBeziehungen zu anderen Menschen“, so Weber.

Selbsterfahrunginklusive

Die Gesprächsführung am Telefon sowie den Umgang mit schwierigen

Themen lernen die Ehrenamtlichen in der einjährigen Ausbildung, diedem Telefondienst vorausgeht. Dabei geht es anfangs vor allem umSelbsterfahrung. Wie gehe ich mit Emotionen um? Auf welche Themen reagiere ichwie? Wie kommuniziere ich mit anderen? In der zweiten Phase stehen Gesprächsführung,Rollenspiele und Themenschwerpunkte auf dem Lernplan. Auch während der Telefondienstegibt es Hilfestellung in der Gruppe: Man reflektiert Gespräche und gibt sichgegenseitig Tipps. Hier lernen die Seelsorger auch, wie man loslässt. Denn:Oftmals wissen die Ehrenamtlichen nicht, wie die Geschichten der Anrufer zuEnde gehen. „Deshalb telefonieren wir auch auf der Geschäftsstelle und nichtvon zu Hause aus“, so Weber. „Dann bleiben die Dinge hier.“

 

Die Telefonseelsorge Nordschwarzwald (TSN) mit Sitz in Pforzheim ist ein ökumenisch getragener Verein der christlichen Kirchen inder Region Pforzheim und Nordschwarzwald.
2013 wurden rund 16000 Anrufe gezählt. Nichtdazugerechnet werden diejenigen, die nicht durch-kommen und automatisch anandere Stellen weiter geleitet werden. Die Zahl der Anrufe steige stetig,berichtet Ulrich Weber, evangelischer Pfarrer und hauptamtlicher Leiter derTSN, was die „riesige Notwendigkeit“ einer solchen Anlaufstelle zeige. Deshalb werden ständig neueMitarbeiter gesucht. „Wir hoffen, bald eine zweite Telefonleitung zu bekommen, diewir dann aber auch personell besetzen müssen“, so Weber. Im Oktober 2014beginnt die nächste Ausbildungsphase zum ehrenamtlichenTelefonseelsorger.

Interessierte können sich unter der Telefonnummer (07231) 102822oder per Email

aninfo@telefonseelsorge-nordschwarzwald.de bewerben.
Hilfesuchende können sich an das kostenlose Seelsorgetelefon unter(0800) 1110111 oder (0800) 1110222 wenden. mim

Der evangelische Pfarrer Ulrich Weber leitet dieTelefonseelsorge Nordschwarzwald.

Auch er sitzt oft am Telefon und versucht, AnrufernHalt zu geben. FOTO: MÜNDERLEIN

 

Ulrich Weber , Leiter derTelefonseelsorge Nordschwarzwald

„Es gibt Gespräche, die lassen einen nicht kalt.“